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Hightech für Diagnose und Behandlung*

Tumoren mit sanften Verfahren noch besser aufspüren, schwer kranken Patienten mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen oder bei einer individuellen Therapie Resistenzen frühzeitig entdecken – diese medizinischen Fortschritte kommen den Patienten der UMM zugute.

Neues Heißlabor - Tumoren früher finden

„Das ist ein Unterschied wie zwischen einer Kerze und einem Scheinwerfer“, veranschaulicht Professor Dr. med. Stefan Schönberg, Direktor der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin, den Fortschritt bei der Tumordiagnostik durch das neue Heißlabor an der UMM. Was Professor Schönberg und seine Kollegen so begeistert, ist die deutlich kontrastreichere Bildgebung: Dank neuartiger radioaktiver Marker leuchten jetzt selbst kleinste Tumoren in der Positronen-Emissions- Tomographie (PET) hell auf. Damit lassen sich Krebsherde, befallene Lymphknoten und Tochtergeschwulste (Metastasen) leichter finden und noch früher behandeln.

Blutwerte geben Hinweise

Während und nach der Behandlung von Prostatakrebs, der bei Männern häufigsten Krebsart, wird immer wieder der so genannte PSA-Wert kontrolliert, der die Konzentration des prostataspezifischen Antigens im Blut misst. Steigt der Wert an, kann das ein Hinweis darauf sein, dass irgendwo im Körper wieder Tumorgewebe wächst. Dann kommt es darauf an, das neue Geschwulst zu finden, um es gezielt mit einer Operation oder per Strahlentherapie entfernen zu können.

Bei der heute noch an vielen Kliniken üblichen Untersuchungsmethode mit radioaktivem Cholin muss der PSA-Wert für eine erfolgversprechende Ortung mindestens auf 1,5 Nanogramm (milliardstel Gramm) pro Milliliter Blut angestiegen sein. Das bedeutet, dass sich relativ viel Tumorgewebe neu gebildet haben muss – was Patient und Arzt aber selbstverständlich vermeiden wollen. „Gerade in der Leber oder in Knochen ist es mit den bisher üblichen Methoden besonders schwierig, Metastasen zu entdecken, solange sie noch klein sind“, erläutert Schönberg.

Neue Tracer

Jetzt stehen den Radiologen und Nuklearmedizinern an der UMM neue Moleküle – so genannte Tracer – zur Verfügung, die sich an besondere Strukturen an der Oberfläche der Krebszellen binden. Bei Prostatakrebs kommt der Tracer PSMA zum Einsatz, der am so genannten prostataspezifischen Membranantigen bindet. Er wird im Heißlabor mit radioaktiven – also „heißen“ – Substanzen kombiniert. „Wir verwenden das schwach radioaktive Gallium- 68, das eine Halbwertszeit von nur rund einer Stunde hat“, berichtet Professor Dr. rer. nat. Björn Wängler, der das neue Heißlabor federführend konzipiert hat. „Das bringt Vorteile für unsere Patienten, weil sich die Strahlung bei diesem Isotop sehr schnell reduziert.“ Möglich wird der Einsatz der schnell schwächer werdenden Substanzen, weil zwischen der Herstellung im Heißlabor und dem Einsatz am Patienten im PET-CT nur ein schmaler Flur liegt: „Wir stellen den Tracer für jeden Patienten individuell auf Abruf her“, betont Wängler.

Weil sich PSMA viel intensiver im Tumorgewebe anreichert als die früher verwendete Substanz Cholin, genügen bereits deutlich weniger Tumorzellen für eine erfolgreiche Ortung. Nach aktuellen Studien lassen sich Tumoren mit der neuen Methode bereits bei PSA-Werten von 0,5 bis 0,9 Nanogramm pro Milliliter zuverlässig nachweisen. „Davon profitieren nicht nur Männer mit Metastasen oder wiederkehrenden Tumoren, sondern auch Patienten, bei denen wir trotz verdächtigem PSA-Wert in Gewebeproben der Prostata bisher keinen Tumor nachweisen konnten“, berichtet Schönberg. „Wenn wir wissen, wie viele Geschwulste sich an welchen Stellen gebildet haben, können können wir die Therapie optimal am Patienten ausrichten und lokale Behandlungen wie eine Operation oder Strahlentherapie gegebenenfalls mit systemischen Ansätzen wie Chemotherapie oder Hormonbehandlung kombinieren. Das erhöht die Heilungs- beziehungsweise Überlebensrate.“

Diagnose bei geringer Größe

Im neuen UMM-Heißlabor werden auch Tracer für andere Krebsarten hergestellt, wie etwa Gallium-68 DOTATOC. Dieses Molekül kann neben dem Haupteinsatzgebiet bei neuroendokrinen Tumoren unter anderem bei Schilddrüsenkarzinomen, Lymphomen und einigen Arten von Hirntumoren sowie Lungen- und Leberkrebs eingesetzt werden. Damit lassen sich schon Geschwulste mit einem Durchmesser von sieben bis acht Millimetern diagnostizieren, während mit den früher eingesetzten Tracern erst Tumoren ab mindestens 25 Millimetern Durchmesser zuverlässig erkannt wurden.

Aktuell arbeiten die Forscher der UMM im EUProjekt MITIGATE daran, eine neue Substanz zur Anwendungsreife zu bringen, die Gastrointestinale Stromatumoren markiert, die im Bindegewebe des Magen-Darm-Trakts auftreten. Noch im Laufe des Jahres 2017 sollen erste Patienten in der Studie von den genaueren Diagnosemöglichkeiten mit dem Tracer Gallium-68 NeoBOMB-1 profitieren können.

Zehn Tonnen Blei

Rund 1,8 Millionen Euro hat die UMM in das moderne Heißlabor investiert, das zu den leistungsfähigsten in der Region und darüber hinaus zählt. Viel Aufwand ist dabei in Hygienemaßnahmen geflossen: Weil die im Labor hergestellten Tracer in die Venen der Patienten gespritzt werden, müssen besonders hohe Anforderungen an die Sterilität der Produkte eingehalten werden. Dazu wurde unter anderem eine aufwändige Reinraum-Lüftungsanlage mit Luftschleusen für Personal und Material eingebaut.

Doch bei dem achtmonatigen Bauprojekt wurden nicht nur Hygieneanforderungen und die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Diagnose von Erkrankungen berücksichtigt – auch der Schutz der Mitarbeiter wurde weiter verbessert: Die Radiochemiker, Radiopharmazeuten, Nuklearmediziner und Medizinisch-technischen Radiologieassistenten sind jetzt noch wirksamer vor Strahlung geschützt. Rund zehn Tonnen Blei schirmen die Mitarbeiter im Heißlabor ab. So liegt die Strahlenbelastung, die über Filmdosimeter an der Schutzkleidung gemessen wird, noch deutlicher unter den Vorgaben als bisher.

* Dieser Artikel stammt aus dem Jahresbericht 2016.

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